Wie Gartner IDP abgrenzt
Gartner versteht unter IDP-Lösungen Plattformen, die mehrere KI-Verfahren kombinieren, um Daten aus Dokumenten zu erfassen und anzureichern. Sie verarbeiten komplexe Dokumente in unterschiedlichen Formaten und Layouts automatisiert und unterstützen Workflows über Anwendungsgrenzen hinweg.
Zugleich warnt der Report: Nicht jeder Anbieter kann jede Dokumentart und jeden Inhalt verarbeiten. Wer eine IDP-Lösung auswählt, sollte deshalb früh prüfen, ob sie mit den eigenen Dokumenttypen und Datenschemata zurechtkommt – idealerweise mit echten Beispieldokumenten statt mit Demo-Material.
Vom Extraktionswerkzeug zur Automatisierungsschicht
Für die nächsten drei Jahre erwartet Gartner einen deutlichen Wandel. IDP wird demnach weniger als eigenständiger Verarbeitungsschritt gesehen, sondern als eingebettete Fähigkeit: in Plattformen aus angrenzenden Märkten wie ECM oder Prozessautomatisierung, oder orchestriert durch agentenbasierte KI-Plattformen. Anbieter, die nur Daten extrahieren, ohne sie mit nachgelagerten automatisierten Aktionen zu verknüpfen, könnten laut Gartner den Anschluss verlieren.
Getrieben wird diese Entwicklung von mehreren Faktoren:
- Mehr unstrukturierte Inhalte: Unternehmen wollen komplexe Verträge, E-Mails und zunehmend auch Audio- und Videoinhalte in ihre Prozesse einbinden.
- KI braucht validen Input: Generative und agentische KI liefern nur dann verlässliche Ergebnisse, wenn die Eingangsdaten stimmen. IDP wird damit zur Qualitätsschleuse vor der KI (siehe auch KI-Agenten und Dokumentenvertrauen).
- Token-Kosten: Agentische Anwendungen verarbeiten große Datenmengen und verursachen entsprechend hohe Kosten. Wer nur korrekte und tatsächlich benötigte Daten an das Sprachmodell übergibt, spart bares Geld.
- Kleinere Modelle: Um Aufwand und Kosten zu begrenzen, dürften neben großen Sprachmodellen verstärkt deterministische ML-Modelle und domänenspezifische Small Language Models zum Einsatz kommen.
ABBYY: viele einsatzbereite Lösungen
ABBYY gehört im Magic Quadrant zu den Leadern. Die Document-AI-Lösungen stehen als SaaS, Self-Hosted, in der Private Cloud, containerisiert und On-Premises zur Verfügung. Jüngste Neuerung ist ein hybrider KI-Ansatz, der LLMs einbindet und zusammen mit dem Format DocLang zusätzliche Struktur und Governance schaffen soll.
Gartner hebt hervor, dass ABBYY mehr vorgefertigte Dokumentwerkzeuge und Lösungen mitbringt als viele Wettbewerber. Standard-Workflows lassen sich so schneller automatisieren, manuelles Modelltraining wird seltener nötig. Ein weiterer Pluspunkt ist die Funktions- und Genauigkeitsparität über alle Betriebsmodelle: Regulierte Organisationen können vollständig lokal arbeiten, ohne auf Funktionen zu verzichten.
Als Schwäche nennt Gartner die Aufteilung auf getrennte Produktlinien (Vantage, FlexiCapture, FineReader Engine). Kunden müssen mehrere Umgebungen betreiben oder Migrationen einplanen, was Integrationen erschwert und den Zugang zu produktübergreifenden Neuerungen verzögert.
Tungsten Automation: agentische Orchestrierung
Ebenfalls als Leader eingestuft ist Tungsten Automation, das frühere Kofax. Das Produkt Tungsten TotalAgility deckt laut Gartner den kompletten dokumentengetriebenen Geschäftsprozess ab; das Portfolio reicht von agentischer Orchestrierung bis zu klassischer OCR. Regional liegt der Schwerpunkt auf EMEA und Nordamerika.
Strategisch will der Anbieter die agentische Orchestrierung vertiefen, vorgefertigte Bibliotheken und Anwendungsfälle ausbauen und gesteuerte KI im großen Maßstab ermöglichen. Governance-, Audit- und Sicherheitskontrollen sind unter einer Oberfläche gebündelt. Gartner lobt die ausgereifte API-First-Architektur, die besonders für Unternehmen mit komplexen Integrationsanforderungen interessant ist. Kehrseite: lange Verkaufszyklen. Obwohl Tungsten einen der größten Kundenstämme im Markt hat, fällt die Gewinnung neuer Kunden laut Gartner schwer.
Hyland: Visionär mit AI Agent Marketplace
Hyland wird als Visionär eingeordnet. Hyland IDP ist Teil der Content Innovation Cloud und zielt breit auf die intelligente Erfassung und Automatisierung inhaltszentrierter Prozesse. Für die nächsten zwölf Monate plant der Anbieter drei Schritte: ergebnisbasierte Preismodelle, einen AI Agent Marketplace und den beschleunigten Ausbau vertikaler SaaS-Angebote.
Hyland ist zwar vor allem in Nordamerika stark, gehört aber zu den wenigen Anbietern mit Kunden, Mitarbeitenden und Partnern in allen Regionen. Kritisch sieht Gartner die Dauer von Vertrieb und Implementierung, die zu den längsten im Markt gehören, weil Hyland IDP meist innerhalb größerer Branchenlösungen eingeführt wird. Zielgruppe sind eher Unternehmen mit niedriger bis mittlerer Reife in der Dokumentenverarbeitung. Multiagenten-Fähigkeiten und Agent-zu-Agent-Orchestrierung stehen auf der Roadmap, waren im Bewertungszeitraum aber noch nicht verfügbar.
OpenText: Nischenanbieter mit starken Integrationen
OpenText landet bei den Nischenanbietern. OpenText Capture, Teil der Content Cloud, extrahiert Daten aus strukturierten und unstrukturierten Dokumenten und automatisiert Dokumenten-Workflows mithilfe von kontinuierlichem Machine Learning und LLMs. Die Kunden sind meist global tätige Organisationen aus Finanzdienstleistung, Versicherung, Gesundheitswesen, Fertigung und öffentlichem Sektor.
Die Roadmap setzt auf generative KI: Das Add-on OpenText Capture Aviator nutzt LLMs, um Daten auch aus komplexen oder qualitativ schlechten Dokumenten zu gewinnen. Zudem modernisiert OpenText die Administration mit webbasierten Oberflächen und lässt Extraktionsprofile per LLM erzeugen, ohne Kundendaten zum Training zu verwenden.
Als Stärken nennt Gartner die tiefe Integration in SAP, Salesforce und Microsoft 365, flexible Betriebsmodelle (On-Premises, eingebettete Microservices, Multitenant-SaaS, Private oder Hybrid Cloud bei OpenText oder den großen Hyperscalern) sowie vorgefertigte Modelle für Rechnungen, Aufträge, Bestellungen und Lieferscheine. Vorsicht ist bei der agentischen Steuerung geboten: Funktionen wie Model Context Protocol (MCP) und Agent-zu-Agent-Unterstützung waren im Bewertungszeitraum im Allgemeinen nicht verfügbar. Außerdem äußerten Anwender Bedenken zu Wartung, Support und Detailtiefe der Dokumentation.
Abseits des Quadranten: Doxis AI.dp (ehemals Klippa)
Gartner selbst betont, dass es neben den bewerteten Anbietern viele weitere leistungsfähige IDP-Lösungen gibt. Gerade im DACH-Raum lohnt ein Blick auf Lösungen, die den von Gartner beschriebenen Trend – IDP als eingebettete Fähigkeit einer Content-Plattform – bereits konsequent umsetzen.
Ein Beispiel ist Doxis AI.dp. Die SER Group, Anbieter der ECM-Plattform Doxis, hat im März 2025 den niederländischen IDP-Spezialisten Klippa aus Groningen übernommen. Dessen Cloud-Plattform DocHorizon firmiert seitdem als Doxis AI.dp. Sie wird in Doxis integriert und zugleich als eigenständige Plattform weiterentwickelt. Damit fließen extrahierte Daten nicht nur in ein beliebiges Zielsystem, sondern direkt in Akten, Workflows, Berechtigungen und Aufbewahrungsregeln des ECM – genau die Verknüpfung von Erfassung und nachgelagerter Aktion, die Gartner als Erfolgsfaktor beschreibt.
Bemerkenswert ist, dass das Funktionsspektrum über klassisches IDP – also Klassifizieren und Extrahieren – hinausgeht. Laut Herstellerangaben gehören dazu:
- Betrugs- und Manipulationserkennung: Prüfung von Struktur, Inhalt und Metadaten etwa von PDFs, Belegen oder Rechnungen auf nachträgliche Änderungen, kopierte Bildbereiche und Dubletten, inklusive Risikobewertung und Weiterleitung in die manuelle Prüfung.
- Identitätsprüfung: Verifikation von Ausweisdokumenten, Abgleich mit einem Selfie, Liveness-Erkennung und NFC-Chip-Auslesen, etwa für KYC-Prozesse im Onboarding.
- Anonymisierung und Schwärzung: automatisches Maskieren personenbezogener Daten in Texten und Bildern, konfigurierbar pro Datenfeld – relevant für DSGVO-konforme Weitergabe und KI-Nutzung.
- E-Rechnung: Klippa ist zertifizierter Peppol Access Point und unterstützt damit den Übergang zur elektronischen Rechnungsverarbeitung, die mit der E-Rechnungspflicht in Deutschland ohnehin auf der Agenda steht.
- Dokumentprüfung im Prozess: Plausibilitäts- und Echtheitsprüfungen etwa bei Versicherungsschäden oder Spesenbelegen, bevor ein Vorgang automatisiert weiterläuft.
Worauf Unternehmen bei der IDP-Auswahl achten sollten
- Eigene Dokumente testen: Proof of Concept mit realen, auch schlechten Scans und seltenen Dokumenttypen statt Standardrechnungen.
- Nachgelagerte Prozesse: Werden extrahierte Daten nur exportiert oder lösen sie Workflows, Ablage und Freigaben im ECM aus?
- Agentische Fähigkeiten: Gibt es MCP-, API- und Agent-zu-Agent-Schnittstellen bereits heute oder nur auf der Roadmap?
- Betriebsmodell und Souveränität: Wo werden Dokumente verarbeitet, und sind alle Funktionen auch On-Premises oder in einer EU-Cloud verfügbar (siehe digitale Souveränität)?
- Kostenmodell: Seiten-, Dokument-, ergebnis- oder tokenbasierte Abrechnung – und wie entwickeln sich die Kosten bei steigendem Volumen?
- Vertrauen in Dokumente: Bietet die Lösung Echtheitsprüfung, Dublettenerkennung und Anonymisierung, oder müssen diese separat beschafft werden?
- Produktlandschaft: Eine Plattform oder mehrere Produktlinien mit eigenen Umgebungen und Migrationspfaden?
Fazit
Der neue Magic Quadrant ist eine hilfreiche Orientierung, aber keine Kaufentscheidung. Seine wichtigste Botschaft steckt weniger in den einzelnen Platzierungen als im Trend: IDP wächst mit ECM, Prozessautomatisierung und agentischer KI zusammen. Wer heute auswählt, sollte deshalb nicht nur die Extraktionsgenauigkeit vergleichen, sondern prüfen, wie gut eine Lösung Daten in vertrauenswürdige, automatisierte Abläufe überführt – innerhalb oder außerhalb des Quadranten.
Redaktionelle Einordnung des ECM-Radar auf Basis des Gartner „Magic Quadrant for Intelligent Document Processing“ sowie öffentlich verfügbarer Herstellerinformationen zu Doxis AI.dp und Klippa. Gartner unterstützt keine in seinen Veröffentlichungen genannten Anbieter, Produkte oder Dienstleistungen. Die Grafik ist schematisch und gibt keine Originalpositionen wieder. Zur Nähe des ECM-Radar zu Doxis siehe Methodik. Funktionen und Verfügbarkeit sollten im Auswahlprozess beim jeweiligen Anbieter validiert werden.
